Pessare früher und heute

Pessare früher und heute

Wenn man heute an ein Pessar denkt, hat man meist ein modernes Medizinprodukt aus weichem Silikon im Kopf – steril verpackt und perfekt geformt. Was nur Wenige wissen: Die Geschichte dieser unscheinbaren Helfer reicht weit über zwei Jahrtausende zurück. Was sich so lange bewährt hat, kann nicht schlecht sein. Oder?


Vom kleinen Stein zum medizinischen Helfer


Der Begriff „Pessar“ stammt aus dem Griechischen und bedeutete ursprünglich schlicht „kleiner runder Stein“ oder auch „Brettspiel-Stein“. Im frühen medizinischen Gebrauch bezeichnete man damit einen Stützstein in der Form eines Zapfens, der bei einer Senkung der Gebärmutter eingesetzt wurde. 


Antike Ursprünge – Wozu ein Granatapfel alles gut sein kann!


Schon in der Antike wussten Ärztinnen und Ärzte (und wohl auch Laien), dass man durch eine mechanische Stütze Beschwerden des Beckenbodens lindern konnte. Der berühmte griechische Arzt Hippokrates und der Gynäkologe Soranus beschrieben beispielsweise den Einsatz halber Granatäpfel, die als provisorische Stütze bei einem Gebärmuttervorfall dienen sollten. Noch weit weg von einem modernen Produkt, aber die Idee war geboren: ein Hilfsmittel, das die Gebärmutter stützt.


Mittelalter und Frühe Neuzeit – Pessare aus Kork, Schwamm und Wachs


Über die Jahrhunderte hinweg blieb das Pessar in Gebrauch – oft in improvisierter Form. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit kamen dafür Materialien wie Wachs, Kork oder Schwamm zum Einsatz. Ab 1750 verwendete man auch Naturkautschuk. Die damaligen Pessare wurden meist individuell angefertigt und vom Handwerker oder der Hebamme vor Ort hergestellt. Erst im 18. und 19. Jahrhundert begann man, das Pessar als medizinisches Instrument systematisch zu beschreiben und anzuwenden.


Das 19. Jahrhundert – Das Pessar wird professioneller


Ein wichtiger Wendepunkt kam 1860: Der amerikanische Arzt Hugh Lennox Hodge entwickelte das nach ihm benannte Hodge-Pessar – eine definierte, wiederverwendbare Form zur Aufrichtung einer abgeknickten Gebärmutter. Damit trat das Pessar endgültig aus dem Schatten der Improvisation heraus und wurde zu einem festen Bestandteil der gynäkologischen Medizin.


Archäologische Funde – Zeugnisse aus der Eisenzeit


Spannend sind auch archäologische Entdeckungen: In einigen eisenzeitlichen Frauengräbern fanden Forschende ringförmige Objekte aus Keramik, Ton oder Metall, die möglicherweise als Pessare dienten. Ob das tatsächlich der Fall war, lässt sich nicht sicher sagen – aber die Funde deuten darauf hin, dass der Gedanke an eine Stütze für die Gebärmutter schon sehr alt ist.


Das 20. Jahrhundert – Vielfalt und Fortschritt


Im 19. und 20. Jahrhundert entwickelte sich das Pessar weiter: Es gab Modelle aus Gummi, Porzellan, Glas, später aus Kunststoff und schließlich aus Silikon. Diese modernen Materialien ermöglichten hygienischere, besser anpassbare Formen. Auch Pessare zur Empfängnisverhütung – sogenannte Stiftpessare oder frühe Spiralen – wurden erprobt, brachten aber oft gesundheitliche Risiken mit sich.


Heute – von der Geschichte zur Therapie


Heute sind Pessare bewährte Hilfsmittel bei Senkungsbeschwerden, Belastungsinkontinenz und Beckenbodenproblemen. Sie werden individuell angepasst, bestehen aus hochwertigem, körperverträglichem Silikon und können Frauen jeden Alters Entlastung verschaffen. Ihre Entwicklung zeigt eindrucksvoll, wie medizinische Ideen über Jahrhunderte reifen können – von Granatäpfeln zu Hightech-Silikon.

 

Foto: www.landschaftsmuseum.de

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