Was ich über Pessare wissen muss
Bei ihr dreht sich alles um den Beckenboden: Alexandra Schäfer ist eine auf Beckengesundheit spezialisierte Physiotherapeutin mit einer Praxis in Süddeutschland. Sie engagiert sich auch in der Weiterbildung und bietet Pessartherapie-Kurse für Physiotherapeut*innen an. Für unseren Blog haben wir sie zum Thema Pessare und Pessartherapie befragt.
Was ist eigentlich ein gesundes Becken?
Ein gesundes Becken bedeutet für mich eine starke Beckenbodenmuskulatur. Sie kann sich vollständig entspannen und sich ausreichend dehnen für die Darmentleerung oder beim Geschlechtsverkehr. Die Bänder und Faszien sollten fest genug sein, um die Position der Beckenorgane bei Belastungen zu sichern. Gleichzeitig sollten sie genug Bewegung zulassen, damit wir uns im Alltag gut bewegen können.
Was ist ein Pessar und was bewirkt es?
Pessare sind medizinische Hilfsmittel. Sie werden in die Vagina eingeführt, um dort die Beckenorgane oder die Harnröhre zu stützen. Pessare sind keine neue Erfindung, sie werden schon im Hippokrates-Schwur erwähnt. Sie waren eine ganze Weile aus der Mode, da man Operationen für die optimale Lösung bei Senkungen hielt. Das hat sich aber wieder geändert: Die Pessartherapie ist in den letzten Jahren zunehmend beliebter geworden. Die meisten Fachärzt*innen verschreiben mittlerweile gerne Pessare und auch die Frauen entscheiden sich oft dafür. Vor allem junge, aktive Frauen wissen die Unterstützung durch Pessare sehr zu schätzen.
Gegen welche Beschwerden empfehlen Sie ein Pessar?
Sie werden vor allem bei einer Senkung der Beckenorgane und bei Belastungsinkontinenz eingesetzt. Bei beiden Problemen belegen Studien, dass eine Pessartherapie Erfolg verspricht. Pessare können auch präventiv bei bekannten Risikofaktoren eingesetzt werden, wie zum Beispiel einer Bindegewebeschwäche oder bei Beckenbodendysfunktion. Dazu haben wir allerdings keine Studienlage.
Wie findet man das passende Pessar?
Es gibt viele verschiedene Pessarformen in unterschiedlichen Größen. Deshalb wäre es sinnvoll, sich das Pessar anpassen zu lassen von Spezialist*innen wie Ärzt*innen, einer Physiotherapeutin oder in einigen Ländern auch vom Pflegepersonal. Dabei können unterschiedliche Pessare in verschiedenen Größen ausprobiert werden.
Was muss man bei der Pflege beachten?
Im Idealfall entfernen die Frauen die Pessare regelmäßig selber, waschen sie und lassen sie über Nacht draußen. Das hilft, Nebenwirkungen wie Druckstellen zu vermeiden. Es gibt Pessare, die längere Zeit in der Vagina bleiben können und andere, die jeden Tag entfernt werden müssen. Informationen zur Hygiene und Pflege sollte jede Frau individuell erhalten, wenn sie ein Pessar bekommt. Pessare bestehen meist aus medizinischem Silikon und werden mit Wasser und Seife gereinigt, bei Bedarf zusätzlich mit einer weichen Zahnbürste. Man kann sie meist auskochen, aber normalerweise ist das nicht nötig. Falls eine Frau eine Infektion (Pilzinfektion oder bakteriell) hatte, kann es sinnvoll sein, das Pessar zu ersetzen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sich Biofilme bilden und es zu weiteren Infektionen kommen kann.
Worin sehen Sie die Vorteile einer Pessartherapie?
Der große Vorteil von Pessaren: Sie wirken sofort! Und sie können von den meisten Frauen auch selbst angewendet werden. Die Selbstwirksamkeit ist dadurch enorm hoch – Frauen können ihr Problem selber in den Griff bekommen. Und noch etwas: Eine Operation bringt eine bleibende Veränderung. Nicht so das Pessar: Es kann einfach wieder entfernt werden.
Welche Ängste gibt es im Hinblick auf Pessare?
Viele machen sich am Anfang Sorgen, da die Ringe, Würfel und Schalen auf den ersten Blick sehr groß aussehen. Viele können sich kaum vorstellen, dass man die Pessare nicht spürt. Für einige Frauen ist die Vorstellung, einen Fremdkörper in sich zu haben, sehr unangenehm. Allerdings erlebe ich oft, dass diese Ängste und Vorurteile sehr schnell vergessen sind, wenn mit dem Hilfsmittel die Symptome plötzlich verschwinden. Für die meisten Frauen ist das Einführen und Entfernen überhaupt kein Problem.
Sie bieten auch einen „Pessarkurs“ an – Was ist das für ein Kurs?
Ich biete seit 2024 eine Fortbildung vor allem für spezialisierte Physiotherapeutinnen an, die anfangen möchten, Pessare anzupassen. In diesem Kurs gibt es theoretisches Wissen zu Anatomie, Pathophysiologie und zur Pessartherapie. Daneben üben wir ganz praktisch die Untersuchung und Anpassung eines Pessars. Den Kurs habe ich entwickelt, weil es im deutschsprachigen Raum keine Fortbildung gab, die diese Inhalte theoretisch und praktisch vermittelt hätte.
Liebe Frau Schäfer, vielen Dank für das Gespräch!
Tipps und Links
Sie haben Interesse an dem Kurs von Alexandra Schäfer oder möchten sich zur Pessartherapie beraten lassen? Dann besuchen Sie Ihre Website: https://becken-balance-physiotherapie.de/
Sie suchen eine auf den Beckenboden spezialisierte Physiotherapeutin in Ihrer Nähe? Hier gibt es eine Liste mit Ansprechpersonen: https://www.ag-ggup.de/therapeutenliste/
Foto: Alexandra Schäfer berät eine Patientin, © privat